Adobe-Klone per KI gebaut: Wann sich eigene Software statt Abo lohnt
11. Oktober 2026
KI-generiert, redaktionell von 8thsense ausgewählt, geprüft und freigegeben. EU AI Act, Art. 50
Photoshop, Illustrator, Premiere, Lightroom, Acrobat, After Effects und InDesign: Zu allen sieben Adobe-Programmen gibt es seit Anfang Oktober kostenlose Open-Source-Gegenstücke, geschrieben in Rust und laut Berichten weitgehend von KI-Agenten auf Basis von Claude Opus 5.5. Auslöser war nach eigener Darstellung des Entwicklers der Ärger über Adobes Abopreise und Kündigungsbedingungen. Das Projekt sammelte binnen Tagen zehntausende Sterne auf GitHub. Für Geschäftsführer ist weniger die Software selbst interessant als die Frage dahinter: Wenn KI in wenigen Tagen Programme nachbaut, wann lohnt sich ein eigenes Tool statt eines weiteren Abos?
Was genau gebaut wurde
Hinter dem Projekt steht das Team von ArtCraft, einer KI-Anwendung für Bild- und Videoerstellung, geleitet von Brandon Thomas (Quelle: gizmodo.com). Die Apps heißen PhotoCraft, VectorCraft, FilmCraft, LightCraft, PdfCraft, EffectCraft und DesignCraft. Sie stehen unter den freien Lizenzen MIT oder Apache 2.0 und laufen auf macOS, Windows und Linux, die meisten zusätzlich im Browser. PhotoCraft beschreibt sich selbst als „clean-room reimplementation“ von Photoshop, also als Neuentwicklung aus öffentlichen Spezifikationen und beobachtetem Verhalten, ohne Originalcode. Das Repository betont zudem, dass keine Verbindung zu Adobe besteht (Quelle: github.com). Laut dem französischen Fachportal IT-Connect arbeiteten acht Claude-Agenten parallel und erzeugten rund 70 Menüfunktionen in wenigen Stunden (Quelle: it-connect.fr).
Beeindruckend, aber nicht alltagstauglich
Die Entwickler selbst bremsen die Erwartungen. PhotoCraft ist laut Repository „early alpha“ und ausdrücklich noch kein Ersatz für die professionelle Tagesarbeit. Die Projekt-Roadmap beziffert die echte Funktionsparität mit Photoshop laut IT-Connect auf deutlich unter 50 Prozent, beim Pixelvergleich von PSD-Dateien stimmten 115 von 170 Testdateien überein. Gizmodo-Autor Mike Pearl nennt das Ergebnis „glitchy, but real“: Die Transformieren-Funktion machte sich bei ihm teils selbst rückgängig. OMG! Ubuntu kommt zu einem ähnlichen Urteil. Die Oberfläche sieht vertraut aus, verhält sich aber nicht gleich, und Profis würden schnell auf fehlende Funktionen und Abweichungen stoßen (Quelle: omgubuntu.co.uk). Bemerkenswert bleibt das Tempo: Version 0.1.0 erschien laut OMG! Ubuntu nur fünf Tage vor dem Test, inzwischen gibt es mehrere Folgeversionen.
Die Risiken, die in der Begeisterung untergehen
Gizmodo rät ausdrücklich, beim Download von per KI geschriebener Software vorsichtiger zu sein als der eigene Autor. Ein unabhängiges Sicherheitsaudit ist bisher nicht bekannt, das Projekt verweist lediglich auf eine eigene Sicherheitsrichtlinie und Tests. Weitere offene Punkte:
Rechtliche Unsicherheit: Eine öffentliche Reaktion von Adobe ist bislang nicht bekannt. Ob der Clean-Room-Ansatz einer Prüfung standhält, ist offen. Ein Leserkommentar bei IT-Connect behauptet zudem kopierten Fremdcode, belegt ist das nicht.
Wartung: OMG! Ubuntu fragt, ob das Projekt Mitwirkende dauerhaft hält, wenn Klone so leicht entstehen. Für Nutzer heißt das: Niemand garantiert Updates.
Qualität: Die Angaben zur Funktionsparität stammen aus der Projektdokumentation selbst, nicht aus unabhängigen Tests.
Warum Abos überhaupt so viel Frust erzeugen
Der Ärger über Adobe hat einen konkreten Hintergrund. Im Frühjahr 2026 einigte sich Adobe mit der US-Regierung auf einen Vergleich über 150 Millionen US-Dollar, je zur Hälfte Strafe und kostenlose Leistungen für Kunden. Vorgeworfen wurden versteckte Kündigungsgebühren beim Jahresabo mit monatlicher Zahlung. Adobe muss Gebühren künftig vorab offenlegen und die Kündigung vereinfachen, bestreitet aber jedes Fehlverhalten (Quelle: tomsguide.com). Viele Unternehmen kennen das Muster: Lizenzkosten steigen, Pakete enthalten Funktionen, die niemand nutzt, und die eigentlich benötigte Funktion fehlt.
Was das für Unternehmen bedeutet
Ein Grafikbüro oder eine Agentur sollte Photoshop jetzt nicht durch eine Alpha-Version ersetzen. Die eigentliche Lehre ist eine andere: KI senkt die Kosten, Software zu schreiben, drastisch. Sie senkt nicht die Kosten, Software zu betreiben. Ein selbstgebautes Tool braucht Updates, Sicherheitsprüfung, Datensicherung und jemanden, der es versteht, wenn der ursprüngliche Ersteller nicht mehr verfügbar ist. Wer das ignoriert, tauscht ein teures Abo gegen eine stille Abhängigkeit.
Sinnvoll ist eigene Software dort, wo Standardprodukte nicht zu realen Abläufen passen: der Pflegedienst, dessen Einsatzplanung zwischen Tabelle und Branchensoftware hängt, die Tanzschule, die Anmeldungen von Hand ins Kursprogramm überträgt, oder der Handwerksbetrieb mit drei Insellösungen ohne Schnittstelle. Hier bringt schlanke Prozessautomatisierung oft mehr als der Nachbau eines großen Programms. Ein pragmatischer Start: einen einzelnen, klar abgegrenzten Ablauf auswählen, Lizenzkosten und manuelle Arbeitszeit dagegenrechnen und vorab festlegen, wer Wartung und Sicherheit verantwortet. Wie sich solche Abläufe mit KI-Automation verbinden lassen, hängt weniger vom Modell ab als von sauberer Integration in bestehende Systeme und einer Betreuung, die über den ersten Prototyp hinausgeht.